Warum Resilienz nicht bedeutet, mehr auszuhalten
Resilienz hatte seinen Weg in den Mainstream vor allem auch während der Corona-Krise erhalten.
Heutzutage ist es immer noch ein Begriff, eine Fähigkeit, die in verschiedenen Kontexten gefordert wird.
Manchmal aber auch als “Reiß dich zusammen”-Analogie.
Irgendwie scheint es eines der missverstandenen Konzepte unserer Zeit.
Denn die ursprüngliche Frage der Resilienzforschung war nie:
Wie schaffen wir es, dass Menschen mehr Belastung aushalten?
Sondern:
Wie entsteht menschliche Anpassungsfähigkeit in komplexen, manchmal chaotischen Lebensrealitäten – ohne daran innerlich zu zerbrechen?
Das ist ein Unterschied.
1. Resilienz ist kein Muskel, den man trainiert – sondern ein Zustand, der entsteht, wenn bestimmte Bedingungen stimmen
Der Vergleich mit einem Muskel klingt harmlos, ist aber irreführend.
Er suggeriert: Wenn du nur fleißig genug trainierst, wirst du widerstandsfähiger.
Das Problem daran: Er macht den Menschen verantwortlich für Belastungen, die oft strukturell erzeugt sind.
Resilienz ist näher an einem Ökosystem als an einem Fitnessstudio.
Resilienz verhält sich neurobiologisch nicht wie ein Muskel, sondern wie ein Regulationssystem, das auf drei Ebenen gleichzeitig reagiert:
Biologisch
Ist mein Körper im Gleichgewicht? (Schlaf, Ernährung, Stresshormone)
Wie stabil ist mein Nervensystem? (Vagusaktivität, Cortisolrhythmus)
Psychologisch
Wie sicher fühle ich mich?
Habe ich Handlungsspielraum?
Kann ich meine Emotionen verstehen und regulieren?
Sozial & strukturell
Wie verlässlich ist mein Umfeld?
Gibt es Orientierung?
Sind Beziehungen tragfähig?
Wie vorhersehbar ist die Belastung?
Resilienz entsteht nicht aus Willenskraft. Resilienz entsteht aus Kohärenz.
Aaron Antonovsky, Gründer des Salutogenese-Konzepts, beschreibt Kohärenz als Gefühl von Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit.
Fällt eines davon weg, sinkt Resilienz - unabhängig von Trainingsniveau.
Das heißt:
Der resilienteste Mensch wird instabil, wenn Strukturen chaotisch sind.
Der verletzlichste Mensch kann stabil bleiben, wenn der Kontext tragfähig ist.
Resilienz ist damit weniger eine Fähigkeit als ein Zustand, der entsteht, wenn Körper, Psyche und System nicht gegeneinander arbeiten.
Wenn du ähnliches im Alltag erlebst: Lass uns gerne ein Erstgespräch vereinbaren.
2. Resilienz ist keine individuelle Reparaturarbeit – sie ist ein Beziehungs- und Systemphänomen
Wenn man in die Ursprünge der Resilienzforschung zurückgeht, stößt man auf eine einfache, fast rührende Erkenntnis: Menschen blühen auf, wenn sie einen anderen Menschen haben, der an sie glaubt. Emmy Werner hat das in ihrer Kauai-Studie eindrucksvoll gezeigt (hier auch ein Link zu meinem Blogartikel, ua. mit Emmy Werner). Die widerstandsfähigsten Kinder waren nicht die belastbarsten oder diszipliniertesten. Es waren jene, die jemanden hatten, der sie sah.
Ich habe dieses Muster in Organisationen unzählige Male wiedergefunden. Ein Mitarbeiter, der unter enormem Druck stand, erzählte mir, dass er über Monate nur durch eine einzige Kollegin stabil geblieben sei. Nicht, weil sie große Dinge tat, sondern weil sie ihm regelmäßig kurz zuhörte und verlässlich sagte: „Ich bin da, wenn was ist.“
Diese kleine, unspektakuläre Form der Verbundenheit verhinderte, dass sein inneres System kollabierte. Es brauchte kein Training. Es brauchte eine Beziehung.
Resilienz entsteht dort, wo Menschen einen Ort finden, an dem sie nicht kämpfen müssen, um gesehen zu werden. Ein Team kann daher genauso resilient oder fragil sein wie ein Individuum. Ein ganzes Unternehmen kann stabil verankert oder innerlich flackernd sein. Wenn Führung chaotisch wird, rollt die Unruhe wie ein sanftes, aber hartnäckiges Beben durch die Reihen. Wenn sie klar ist, atmet das System aus und die Menschen finden zurück in ihre Mitte.
3. Emotionale Resilienz ist ein kollektiver Prozess – nicht ein privates Problem
In jeder Organisation gibt es diesen Moment: Ein Meeting, das eigentlich harmlos sein könnte, kippt. Vielleicht kommt eine Führungskraft mit einem Tonfall hinein, der einen halben Ton zu scharf ist. Kaum hörbar, aber spürbar wie ein Wetterumschwung. Vielleicht sitzt jemand schweigend da, die Arme verschränkt, und die anderen beginnen unbewusst, sich zusammenzuziehen.
Ich erinnere mich an ein Projektteam. Die Teamleiterin war hochkompetent, aber notorisch angespannt. Die Meetings begannen immer gleich: Sie schlug ihren Laptop energisch auf, seufzte hörbar und sagte: „Wir haben ein Problem.“ Schon nach wenigen Sekunden war die Raumtemperatur gefühlt um ein paar Grad gefallen. Die Teilnehmenden sprachen leiser, lachten weniger und wichen Blicken aus. Niemand nannte es so, aber jeder spürte: „Wir sollten vorsichtig sein.“
In Wirklichkeit passierte etwas anderes: Ihre innere Unruhe übertrug sich direkt auf die Nervensysteme der anderen. Körpersprache, Atemfrequenz, Mikroexpressionen, all das wirkt wie ein unsichtbares Netzwerk, das Menschen miteinander synchronisiert. Emotionaler Zustand ist nicht privat. Er ist sozial.
Deshalb wirkt Resilienz nie isoliert. Sie ist ein Gruppenphänomen. Wenn ein Mensch im Team reguliert ist, kann das andere stabilisieren. Wenn jemand die Ruhe verliert, kann ein ganzes Team wackeln.
Resilienz ist also nicht nur die Fähigkeit, „mit sich selbst klarzukommen“. Es ist vor allem die Fähigkeit eines Systems, gemeinsam im Gleichgewicht zu bleiben.
4. Die sieben Faktoren der Resilienz
Die sieben Faktoren nach Reivich und Shatté sind ein gutes Fundament (hier zu meinem Blogartikel). Aber sie entfalten erst Wirkung, wenn man sie in der erlebten Realität versteht, in den Mikro-Momenten, die unser Leben tatsächlich prägen.
Emotionsregulation bedeutet beispielsweise nicht, Gefühle elegant zu ignorieren. Im Gegenteil: Es heißt, Gefühle so zu verstehen, dass sie nicht die Regie übernehmen müssen. Emotionsregulation heißt dann: die Tür zwischen Reiz und Reaktion ein Stück länger offenhalten.
Selbstwahrnehmung ist das leise Spüren, dass etwas innerlich kippt, noch bevor es offensichtlich wird (hier zu meinem passenden Blogartikel). Viele Menschen merken erst, dass sie überlastet sind, wenn sie abends wie ein Stein aufs Sofa fallen und das Herz rast.
Impulskontrolle zeigt sich oft nicht in großen Dramen, sondern in winzigen Momenten: eine Mail nicht sofort wütend beantworten, ein Meeting nicht abrupt verlassen, ein Kommentar nicht als Angriff deuten. Der kleine Spalt zwischen Reiz und Reaktion, dort entsteht Resilienz.
Kausalanalyse ist die Kunst, ein inneres Durcheinander auseinanderzudröseln. Nicht alles, was sich persönlich anfühlt, ist persönlich. Manchmal ist es Struktur. Manchmal Kultur. Manchmal einfach Überforderung.
Selbstwirksamkeit entsteht in den Momenten, in denen Menschen merken: „Ich kann etwas verändern.“ Sie wächst selten in abstrakten Übungen, dafür umso mehr durch reale kleine Erfolge.
Optimismus – der realistische – ist ein Blick, der beides hält: die Schwierigkeit und die Möglichkeit. Kein Rosa, kein Glitter. Einfach die nüchterne Erkenntnis, dass Zukunft nicht feststeht.
Und Verbundenheit? Sie ist der Faktor, der fast alles abfedern kann. Ein Mensch, der weiß, dass er nicht allein ist, bricht seltener. Und wenn er bricht, heilt er schneller.
5. Der Systemfaktor: Was wirklich resilient macht
Ein System kann stabil sein oder porös, unterstützend oder ein permanenter Störfaktor. Ein Unternehmen, das ständig Projekte anschiebt und wieder abbricht, erzeugt innere Instabilität. Ein Team, das Konflikte meidet, statt sie zu klären, schafft latente Spannung. Eine Führung, die viel verlangt, aber wenig erklärt, produziert einen emotionalen Nebel, in dem niemand klar denken kann.
Ich habe es unzählige Male gesehen: Menschen, die privat durchaus stabil waren, gingen in Organisationen unter, die wie unsortierte, unruhige Flüsse wirkten. Andere, die eher feinfühlig und verletzlich waren, blühten auf, sobald sie in einem Umfeld landeten, das Klarheit, Halt und Verbundenheit bot.
Resilienz entsteht nicht durch individuelles Durchhalten. Sie entsteht dadurch, dass Systeme Energie sparsam einsetzen und nicht verschwenden.
Wenn Strukturen klar sind, sinkt Stress. Wenn Kommunikation transparent ist, ordnet sich das Innenleben. Wenn Beziehungen tragfähig sind, erholt sich der Körper schneller.
Ein resilienter Mensch ist oft einfach ein Mensch in einem resilienten Umfeld.
6. Eine moderne Übung: Stress entpathologisieren
Eine Frau, die ich begleitete, machte jahrelang Resilienztraining. Trotzdem fühlte sie sich permanent angespannt. Erst als wir ihre Belastungen auf die Ebene der Strukturen hoben, änderte sich etwas. Sie stellte fest, dass die meisten ihrer Stressmomente nicht daher kamen, dass sie „falsch reagierte“, sondern dass sie in Situationen gesteckt hatte, die zu viel von ihr verlangten.
Die Übung dazu klingt simpel, ist aber transformierend:
Drei Momente der letzten Woche aufschreiben, in denen Stress spürbar war.
Nicht die eigene Reaktion analysieren.
Sondern den Kontext.
Was war unklar?
Was war widersprüchlich?
Was fehlte?
Was war nicht in deiner Macht?
In dem Moment, in dem sie sah, dass ihr Stress nicht Ausdruck eines „Mangels an Resilienz“ war, sondern das Resultat einer inkonsistenten Umgebung, fiel eine Last von ihr ab. Nicht weil der Stress sofort verschwand, sondern weil er endlich Sinn ergab. Sinn ist ein unterschätzter Resilienzfaktor.
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Setze dich für drei Minuten hin und schreibe einen kurzen Dialog, wie zwischen zwei Figuren.
Auf der linken Seite:
Die Stimme, die gerade überfordert ist.Auf der rechten Seite:
Die Stimme, die es gut meint, aber oft zu spät auftaucht.Fang mit einem Satz an, der dir spontan kommt.
Links:
„Ich kann nicht mehr gut unterscheiden, was wichtig ist und was nur dringend wirkt.“Rechts:
„Dann lass uns das einmal sortieren, ohne dass du dich dafür schuldig fühlen musst.“Lass die beiden Stimmen im Wechsel schreiben, maximal drei oder vier Zeilen lang.
Es geht nicht darum, etwas zu lösen.
Es geht darum, einen Raum zu schaffen, in dem innere Erfahrung Form bekommt.Was dabei entsteht, ist oft überraschend:
Der Ton wird weicher.
Die Überforderung verliert ihre Schärfe.
Und manchmal zeigt sich eine kleine Wahrheit, die vorher unter Lärm versteckt war.Diese Übung ist simpel, aber wirkungsvoll:
Sie trennt das Erleben vom Urteil.
Probiere es gerne mal aus!
Ein Monolog mit dir reich nicht?
In meiner Arbeit als Coach & Beraterin unterstütze ich dich gerne dabei neue Strategien zu entwickeln.