Was lernen wir eigentlich, wenn wir zusehen, wie Mächtige Regeln brechen?
Ich sitze vor Vorlesungsfolien, markiere Sätze in Pastellfarben und versuche, die Mechanik des menschlichen Lernens zu begreifen. Während ich über Albert Bandura lese, denke ich unweigerlich unsere geteilte Realität mit.
Ich sehe die Dauerbeschallung durch politische Grenzüberschreitungen, die unglaublichen Handlungen eines Donald Trump, die gefährliche Macht von Technokraten, und begreife einmal mehr: Die Psychologie-Grundlagen sind keine trockene Theorie.
"Beobachtungslernen" das klingt zunächst nach Kinderzimmer, nach dem kindlichen Nachahmen von Eltern, die sich die Schuhe binden. Doch: Wir verlassen dieses Kinderzimmer nie wirklich. Wir sind lebenslange Beobachter.
Was macht das mit uns, wenn wir heute in die Welt schauen und regelmäßig Grenzüberschreitungen beobachten?
Das Experiment mit der Bobo-Puppe (Albert Bandura)
Bandura zeigt uns, dass wir nicht nur lernen, was wir tun sollen, sondern vor allem, was wir uns erlauben können.
In seinem berühmten Bobo-Doll-Experiment der 60er Jahre zeigte Bandura, dass Kinder Aggression nicht erst mühsam durch Strafe oder Belohnung erlernen müssen. Es genügte, einem Erwachsenen zuzusehen, der eine Puppe malträtierte. Blieb die Gewalt folgenlos oder wurde sie gar belohnt, wurde sie zum von den Kindern wiederholt. Es blieb daher besonders hängen, was danach folgte, welche Konsequenzen sichtbar wurden.
Most human behavior is learned observationally through modeling from others - Albert Bandura
Banduras Erkenntnis ist auch heute noch aktuell: Wir lernen nicht nur durch eigene Erfahrungen, sondern durch die beobachteten Konsequenzen bei anderen.
Sozialpsychologen nennen das "vicarious learning" = stellvertretendes Lernen. Wir lernen nicht nur durch eigene Erfahrung, sondern durch die beobachteten Erfahrungen anderer. In einer Mediengesellschaft, in der wir ständig "zusehen", ist das unser permanenter Hintergrundfilm.
(Disclaimer: Das Video zeigt Teilaufnahmen des Experiments und Gewalt gegen eine Plastik-Puppe - direkter Link)
Wie funktioniert Beobachtungslernen?
Bandura beschreibt Beobachtungslernen nicht als "Kopieren". Bedeutet also, dass wir nicht alle ungefiltert Verhalten imitieren, nur weil wir es beobachten (lets hope so!). Es ist ein Prozess in vier Akten:
Aufmerksamkeit: Wir lernen vor allem von Modellen, die sichtbar sind: Statushoch, nah dran, für uns von Bedeutung.
Behalten (Retention): Wir speichern Muster, also beispielsweise Formulierungen, Tonfälle, Gestik, soziale Verhaltensweisen (wie sich Menschen begegnen).
Reproduktion: Wir müssen es können (oder zumindest glauben, es zu können).
Motivation: Wir tun es eher, wenn es belohnt wird oder wenn es "ohne Preis" bleibt und keine negativen Konsequenzen folgen.
Beobachtungslernen (4 Elemente)
Das Beunruhigende daran ist der schleichende Charakter. Wir sagen uns oft: „So würde ich nie handeln.“ Die Sozialpsychologie ist skeptischer. Wenn Grenzüberschreitungen (sei es in der Politik, in der Teambesprechung oder in den sozialen Medien) dauerhaft sichtbar bleiben und ohne Konsequenzen existieren dürfen, setzt ein enthemmender Effekt ein.
Die moralische Messlatte senkt sich nicht mit einem Knall, sondern in Zeitlupe, einen Zentimeter nach dem anderen.
Drei Effekte prägen uns dabei besonders:
Modellierender Effekt: Neue Verhaltensweisen werden übernommen ("So macht man das anscheinend").
Enthemmender Effekt: Bereits vorhandene Impulse (z.B. Aggression, Zynismus) werden verstärkt, wenn andere ungestraft vorangehen.
Auslösender Effekt: Menschen trauen sich eher, etwas tatsächlich zu tun, wenn sie gesehen haben, wie ein Modell es vormacht.
Was passiert, wenn Führungskräfte Regeln als dehnbare Empfehlungen behandeln?
Besonders im Arbeitskontext beobachten wir den "Trickle-Down-Effekt": Verhalten fließt Hierarchien hinunter. Dort, wo Regeln für die Spitze zur Verhandlungssache werden, lernen Teams die Sprache der Beliebigkeit und machen sie zu ihrem eigenen Ethos.
Teilweise greift hier das Moral Licensing: Das täuschende Gefühl, man habe durch vergangenes "Gutes" ein Guthaben angehäuft, das man nun durch eine kleine moralische Abkürzung wieder ausgeben dürfe. Integrität ist jedoch kein Sparkonto, sie ist eine Praxis, die mit jeder Beobachtung neu verhandelt wird.
Das erklärt, warum "Wir haben doch Werte" allein so oft nicht reicht. Was folgt daraus?
Normverschiebung: Was früher klar inakzeptabel war, rutscht innerlich in die Zone des "ist halt so". Die innere moralische Messlatte senkt sich schleichend.
Zuschauer-Lernen: Auch wer selbst nichts Illegales tut, lernt: Empathie, Integrität und Verantwortungsgefühl werden nicht belohnt. Aber durchwurschteln schon.
Zynismus und Resignation: Dauerhafte Beobachtung von Grenzüberschreitungen ohne Konsequenzen fördert Ohnmacht. "Bringt ja eh nichts." Es erzeugt einen Nährboden dafür, selbst weniger sorgfältig mit eigenen Grenzen umzugehen.
Ansteckung im Kleinen: In Teams werden diese Vorbilder "nach unten" übersetzt. Wer sieht, dass oben Regeln biegsam sind, rechtfertigt leichter eigene (kleine) Regelverstöße.
Wenn du das im Arbeitskontext erlebst: Lass uns gerne ein Erstgespräch vereinbaren.
Wie entkommt man diesem Lernfilm?
Nicht so einfach. Das ist uns sicherlich allen bewusst. Es braucht also aktives Handeln.
Bandura sagte einmal, es sei ein Glücksfall, dass wir durch Beobachtung lernen, es erspart uns das gefährliche Trial-and-Error. Aber dieses Privileg verpflichtet uns zur Kuratierung unserer Aufmerksamkeit.
Um nicht abzustumpfen, hilft eine Mischung aus bewusster Selbststeuerung, klaren Grenzen im Medienkonsum und gezielter Hinwendung zu "guten Modellen". Entscheidend ist, dass du deine Aufmerksamkeit aktiv lenkst.
Ein paar Impulse:
Dosis und Quellen begrenzen: Feste "News-Zeitfenster" und gezielte Auswahl von Informationsquellen reduzieren die Dauerbeschallung mit Grenzüberschreitungen.
Vorbild-Shift: Aktiv Personen und Geschichten suchen, die Integrität, Zivilcourage und Verantwortungsübernahme zeigen. Im eigenen Umfeld ebenso wie öffentlich. (Du kannst hier auch deinen LinkedIn Feed bewusst steuern).
Positives Beobachtungslernen nutzen: Was dir an diesen Menschen gefällt (z.B. klare Sprache, ruhiges Handeln, Kollegialität) bewusst benennen und kleine Elemente ins eigene Verhalten übernehmen.
Kleine, konkrete Schritte definieren: Spende, Ehrenamt, Widerspruch im Meeting, eine Mail an eine politische Abgeordnete. Jede Handlung widerspricht der erlernten Rolle des ohnmächtigen Zuschauers.
Ein letzter Gedanke:
Vielleicht ist die wichtigste Erkenntnis aus meiner Lernphase nicht die Definition des Begriffs, sondern die Frage: Woran merke ich (und du) im (Arbeits-)Alltag, dass sich die moralische Messlatte verschiebt? Wer sind die "guten Modelle", denen wir wieder mehr Aufmerksamkeit schenken sollten?