Big Five: Deine Persönlichkeit und Stärken beschreiben und gekonnt einsetzen.
Du merkst Persönlichkeit nicht daran, wie du dich in Ruhe beschreiben würdest. Du merkst sie im Alltag.
In kleinen Szenen:
Wie du in ein Meeting gehst, wenn zehn Menschen gleichzeitig auf dich schauen. Wie du auf eine Nachricht reagierst, die zweideutig klingt. Ob du Listen liebst oder sie als unnötige Mehrarbeit empfindest. Ob du Energie bekommst, wenn du unter Menschen bist oder eher wenn du Ruhe hast und dich eher mit einzelnen Menschen verbindest.
Wenn wir Persönlichkeit beschreiben, greifen wir oft zu Abkürzungen: „Ich bin halt introvertiert“, „Ich bin ein Kopfmensch“, „Ich bin harmoniebedürftig“. Das ist verständlich. Es ist schnell. Und es ist meist zu grob.
Der Big Five-Persönlichkeitstest erlaubt es die Persönlichkeit eher als Spektrum zu beschreiben. Eine Beschreibung, die fünf Dimensionen integriert, auf denen sich deine typischen Muster zeigen und über die du besser verstehen kannst, wo deine Stärken liegen, was dich stresst und welche Umgebungen dir guttun.
Du findest am Ende des Artikels einen Link zu einem kostenlosen Big Five Test über die Uni-Leipzig.
Was sind die Big Five?
Die Big Five beschreiben Persönlichkeit entlang von fünf Dimensionen. Du bist nicht „entweder/oder“, sondern bewegst dich auf einem Spektrum, je nach Kontext auch mal mehr hier, mal weniger da.
Extraversion
Wie stark du Energie nach außen gibst: Kontaktfreude, Aktivität, Durchsetzungsfähigkeit oder eher (Introversion) Ruhe, Zurückhaltung, Fokus nach innen.Verträglichkeit
Wie kooperativ und mitfühlend du agierst: Wärme, Empathie, Vertrauen oder eher Direktheit, Skepsis, Konfliktbereitschaft.Gewissenhaftigkeit
Wie stark du strukturierst und dranbleibst: Planung, Zuverlässigkeit, Selbstdisziplin oder eher Spontaneität, Flexibilität, Improvisation.Negative Emotionalität (häufig als „Neurotizismus“ bekannt)
Wie sensibel dein System auf Stress reagiert: Sorgen, Anspannung, Verletzlichkeit oder eher Gelassenheit, emotionale Stabilität.Offenheit
Wie sehr du Neues suchst und zulässt: Neugier, Ideen, Ästhetik, Perspektivwechsel oder eher Pragmatismus, Routine, Bodenhaftung.
Wichtig: Kein Wert ist “gut” oder “schlecht”. Es gibt Passung. Und es gibt Kosten.
Vier Mythen: Und warum sie dich (leider) nicht weiterbringen
Mythos 1: „Der Test sagt mir, wer ich wirklich bin.“
Er sagt dir eher: Wie du meistens bist.
Persönlichkeit ist eine Tendenz, keine Identität. Du bist nicht dein Score. Du bist auch das, was du tust, wenn es zählt und wie du dich in bestimmten Rollen veränderst.
Mythos 2: „Wenn ich das weiß, bin ich festgelegt!“
Nein. Die Big Five sind relativ stabil, aber nicht starr.
Du kannst dich entwickeln. Nicht über Nacht. Aber über Gewohnheiten, Kontext, Entscheidungen, Beziehungen. Persönlichkeit ist zwar ein recht stabiles Muster, über unsere Lebensspanne, aber sie entwickelt sich und wird durch unsere Biografie und Erfahrung beeinflusst.
Mythos 3: „Hohe Gewissenhaftigkeit ist immer besser.“
Hohe Gewissenhaftigkeit kann Leistung und Verlässlichkeit stärken. Sie kann aber auch kippen: In Perfektionismus, Kontrollzwang, chronische Anspannung. Stärke ohne Maß wird oft zur Schwäche.
Mythos 4: „Hohe Negative Emotionalität ist einfach schlecht.“
Menschen mit höherer Stressreaktivität nehmen Risiken oft früher wahr. Sie sind häufig sensibler für Zwischentöne, Stimmungen, mögliche Brüche. Die Frage ist: Wie regulierst du und wie schützt du dich?
Die Auflösung: Was der Test wissenschaftlich gut kann (und was nicht)
Die Big Five sind in der Persönlichkeitspsychologie so etwas wie ein gemeinsamer Nenner: Ein Modell, das über viele Studien hinweg zuverlässig auftaucht. Es ist nicht perfekt, aber robust. Der Big Five sind kein „Wahrheitstest“ über dein Wesen, sondern ein empirisch gut abgesicherter Beschreibungsrahmen. Der Big Five hat keinen exakten Ursprung, da er mehrere wissenschaftliche Erkenntnisse integriert.
Lewis R. Goldberg (v. a. 1980er/1990) popularisierte die Bezeichnung „Big Five“ und trieb die lexikalische Forschung (Adjektiv-basiert) entscheidend voran. Paul T. Costa Jr. & Robert R. McCrae (1980er/1990er) entwickelten und standardisierten das Five-Factor Model (FFM). Viele weitere Forscher:innen haben zum Big Five Test beigetragen und dessen Validität und Stabilität überprüft.
Was es gut kann:
Es beschreibt breite, stabile Persönlichkeitstendenzen.
Es ist nützlich, um Muster zu verstehen: Im Alltag, in Beziehungen, bei Arbeit, in Stress.
Es hilft, Kontext-Passung zu erkennen: Wo blühst du auf, wo wirst du eng?
Was es nicht kann:
Es kann nicht vorhersagen, was du in jeder Situation tust.
Es erklärt nicht deine Geschichte (Prägung, Werte, Kultur, Lebensphase).
Es sagt nichts darüber, ob du “richtig” bist.
Der Big Five kann daher als Werkzeug genutzt werden, um ein klareres Selbstbild zu erhalten.
Umsetzung: So machst du aus Ergebnissen etwas, das dich wirklich unterstützt
Hier kommt die entscheidende Übersetzung: von „Ich bin so“ zu „Ich kann damit arbeiten“.
Ich empfehle drei Schritte.
1) Lies deine Ergebnisse wie eine Landkarte, nicht wie ein Zeugnis
Frag dich:
Wo hilft mir das?
Wo kostet es mich etwas?
In welchem Kontext wird es stark und wann wird es zu viel?
Beispiel:
Hohe Offenheit kann dich inspirieren und dich gleichzeitig verzetteln.
Niedrige Extraversion kann Fokus und Tiefe bringen und dich in zu viel Rückzug treiben und isolieren.
2) Übersetze jeden Wert in ein „Wenn-dann“
Das klingt simpel, ist aber wirksam.
Wenn meine Negative Emotionalität hoch ist, dann brauche ich frühe Regulation (nicht erst, wenn es brennt).
Wenn meine Gewissenhaftigkeit hoch ist, dann plane ich bewusst Freiräume ein (bspw. Blocker im Kalender), bevor ich mir zu viele Aufgaben vornehme.
Wenn meine Verträglichkeit hoch ist, dann übe ich klare Grenzen zu kommunizieren, weil „nett sein“ sonst zur Selbstaufgabe wird.
3) Bau dir Micro-Experimente statt große Selbstoptimierungspläne
Persönlichkeitsarbeit scheitert oft an der Größe der Ansprüche.
Mach es klein. Mach es konkret. Mach es wiederholbar.
Wenn du deine Big 5 besser in der Praxis anwenden möchtest: Lass uns gerne ein Erstgespräch vereinbaren.
Verbindung zur Positiven Psychologie: Nicht „besser werden“, sondern „besser nutzen“
Positive Psychologie wird manchmal missverstanden als Dauerlächeln. In seriöser Form geht es um etwas anderes: Wohlbefinden, Sinn, Stärken, gelingende Beziehungen und Ressourcen, die tragfähig sind, gerade dann, wenn es nicht leicht ist.
Die Big Five liefern dir Hinweise, wie du deine Ressourcen wahrscheinlich am effektivsten aktivierst.
Hier sind praktische Brücken:
Extraversion → Energie-Management
Wenn hoch: plane bewusst soziale Energiequellen (Austausch, Co-Working), aber auch Reizpausen.
Wenn niedrig: priorisiere Tiefe statt Breite (1:1 statt Gruppen), schaffe dir ruhige Leistungssettings.
Verträglichkeit → Beziehungskompetenz & Grenzen
Wenn hoch: Trainiere assertive Kommunikation (klar, freundlich, unmissverständlich).
Wenn niedrig: Trainiere wohlwollende Deutung und „Beziehungs-Reparatur“ (nicht alles als Angriff lesen, nachfragen, Anerkennung geben).
Gewissenhaftigkeit → Zielarbeit ohne Selbstüberforderung
Wenn hoch: Setze „good enough“-Kriterien und baue Erholung als Pflichttermin ein.
Wenn niedrig: Nutze Strukturhilfen, die nicht moralisch sind: kurze Routinen, Checklisten, feste Startpunkte.
Negative Emotionalität → Resilienz durch Regulation
Wenn hoch: Fokus auf Coping, Schlaf, Körper, Stresshygiene, soziale Unterstützung, realistische Reframing-Techniken.
Wenn niedrig: Achte darauf, Warnsignale nicht zu übersehen, manchmal ist Gelassenheit auch elegante Vermeidung.
Offenheit → Sinn, Lernen, Kreativität
Wenn hoch: Gib deiner Neugier eine Form (Projekte mit Abschluss) statt Endlossuche.
Wenn niedrig: Arbeite mit dosierter Neuerung (ein neues Element pro Woche, etwas neues Lernen und die Komfortzone ein wenig verlassen), nicht mit „Alles anders“.
Wenn du möchtest, kannst du zusätzlich mit einem Stärkenmodell arbeiten (z. B. über Stärkenreflexion): Big Five sagen dir, welche Tendenzen du zeigst. Stärkenarbeit hilft dir, wofür du das einsetzen willst.
Kostenlos testen: Big Five über die Universität Leipzig
Wenn du die Big Five einmal niedrigschwellig ausprobieren möchtest: Es gibt einen kostenlosen Online-Test der Universität Leipzig, den du anonym nutzen kannst. Er gibt dir ein Profil über die fünf Dimensionen (und teils differenziertere Unteraspekte).
Mein Tipp: Mach den Test in einem Moment, in dem du nicht maximal gestresst bist und lies die Ergebnisse nicht als Urteil, sondern als Ausgangspunkt für gute Fragen.
Drei gute Fragen zum Abschluss
Welche Beispiele fallen mir ein, wenn ich die Ausprägungen reflektiere?
Welche Umgebungen passen zu mir, und welche kosten mich unnötig viel?
Welches kleine Experiment probiere ich 7 Tage lang, um meine Stärken gezielter einzusetzen?
Wenn du magst, können wir gemeinsam über dein Testergebnis sprechen und es einordnen. Ich helfe dir, daraus ein paar konkrete, alltagstaugliche Hebel abzuleiten: für Arbeit, Beziehungen und Wohlbefinden.
Was sagt der Big 5 über deine Stärken und Entwicklungsfelder aus?
In meiner Arbeit als Systemische Coachin & Beraterin unterstütze ich dich gerne dabei neue Perspektiven zu entwickeln und deine eigenen Stärken aktiv zu nutzen.