Zwischen Nähe und Distanz: Wie emotionale Leere im Arbeitsalltag entsteht.
In vielen Büros herrscht heute ein merkwürdiger Widerspruch. Menschen arbeiten eng zusammen, teilen Räume, gestalten Projekte, erfüllen Deadlines. Und gleichzeitig entsteht eine Distanz, die kaum jemand anspricht. Eine stille Leere, die sich nicht aus fehlenden Kontakten speist, sondern aus fehlender Verbindung.
Diese Form der emotionalen Leere zeigt sich selten laut. Sie tritt eher in Zwischenräumen auf. In Meetings, die sachlich bleiben, obwohl die Spannung im Raum spürbar ist. In Gesprächen, in denen alle professionell klingen und doch niemand wirklich anwesend wirkt. In Teams, die effizient arbeiten, aber kaum Resonanz miteinander haben.
Viele Arbeitskulturen erwarten, dass die innere Welt keinen Platz bekommt. Emotionen gelten als unzuverlässig, unprofessionell oder zumindest störend. Doch genau dieser Ausschluss schafft die Distanz, die Menschen erschöpft und isoliert.
Was die Forschung dazu sagt
Die Wissenschaft bestätigt, was viele intuitiv wahrnehmen. Die Psychologin Sigal Barsade, eine der einflussreichsten Stimmen zur Emotion in Organisationen, zeigte in ihren Studien über zwei Jahrzehnte hinweg, wie stark kollektive Gefühle die Qualität von Zusammenarbeit prägen.
Ein Kernbegriff ihrer Forschung ist Emotional Aperture.
Damit beschreibt Barsade die Fähigkeit, die Stimmung eines Teams als Ganzes wahrzunehmen. Anders als bei der klassischen Emotionsforschung, die sich auf einzelne Personen konzentriert, richtet sie den Blick auf das kollektive emotionale Klima.
In Experimenten zeigte sich, dass Gruppen, deren Führungspersonen diese feinen emotionalen Töne erkennen konnten, bessere Entscheidungen trafen, gerade dann, wenn Unsicherheit und Komplexität die Lage bestimmten.
Ein weiterer zentraler Befund stammt aus Barsades Arbeit zu emotionaler Ansteckung, dem sogenannten ripple effect. Bereits 2002 konnte sie nachweisen, dass Emotionen sich in Teams ähnlich verhalten wie Wellen, die sich über Wasser ausbreiten. Ein angespanntes Gesicht, eine abwertende Geste, aber auch ein Moment echter Wärme verändern die Dynamik eines ganzen Raums.
Nicht durch Worte, sondern durch Resonanz.
Wenn du das im Arbeitskontext erlebst: Lass uns gerne ein Erstgespräch vereinbaren.
Barsades Studien gehen noch weiter.
In Laborszenarien zeigte sie, dass Teams mit hoher fachlicher Expertise trotz Kompetenz scheiterten, wenn emotionale Spannungen übersehen wurden. Umgekehrt bewiesen ihre Daten, dass Gruppen, deren Stimmung früh wahrgenommen wurde, Konflikte abfedern konnten, bevor sie sichtbar wurden.
Eine sinkende emotionale Koordination war in ihren Experimenten ein Frühwarnsystem, das messbare Leistungseinbrüche oft um mehrere Wochen ankündigte.
Diese Erkenntnisse berühren einen Punkt, der in vielen Organisationen unterschätzt wird:
Emotionen sind kein individueller Störfaktor. Sie sind ein soziales Regulativ.
Zwischen Nähe und Distanz im gelebten Alltag
Wer den Alltag von Teams beobachtet, erkennt diese Dynamiken auch ohne Laborumgebung. In manchen Begegnungen entsteht mühelos Verbindung. In anderen baut sich eine unsichtbare Wand auf. Die Distanz ist nicht inhaltlich, sondern atmosphärisch.
Manche Menschen betreten einen Raum und man spürt eine innere Müdigkeit, die niemand benennt. Andere tragen Anspannung mit sich, die Gespräche unruhig macht. Wieder andere wirken freundlich, aber abwesend, als würde ein Teil von ihnen fehlen.
Die emotionale Leere wächst dort, wo diese Signale übersehen werden.
Nicht weil jemand böse Absichten hat, sondern weil Tempo, Struktur und Gewohnheit den Blick verengen. Präsenz wird zur Pflicht, aber nicht zur Beziehung.
Warum diese Leere entsteht
Barsades Forschung legt nahe, dass emotionale Leere nicht aus einem Mangel entsteht, sondern aus einer Verdrängung.
Menschen bringen ihre innere Welt mit zur Arbeit, doch viele Arbeitskulturen tun so, als gäbe es sie nicht. Zwischen Nähe und Distanz entsteht dann ein Zwischenraum, in dem alle funktionieren, aber wenige in Resonanz miteinander treten.
Einsamkeit im Arbeitsalltag ist deshalb kein individuelles Versagen.
Sie ist ein Symptom struktureller Überforderung.
Ein kleiner Schritt zurück zur Verbindung
Jede Zusammenarbeit hat zwei Ebenen:
Was wir tun
Wie wir ankommen
Die erste Ebene ist sichtbar.
Die zweite bestimmt oft, ob die erste gelingt.
Und genau das hat Barsades Forschung gezeigt:
Wenn Führungskräfte die Stimmung im Team besser wahrnehmen, treffen sie klarere Entscheidungen, handeln früher und vermeiden Missverständnisse, die später teuer werden.
Wie das konkret aussieht (und absolut alltagstauglich bleibt)
Die Übung ist kein emotionales Auspacken.
Sondern eher eine Mini-Abfrage, die still wahrnehmbar macht, was sowieso da ist.
Zum Beispiel zu Beginn einer Besprechung eine einfache, knapp gehaltene Frage:
• „Wie seid ihr heute hier?“
• „Gibt es etwas, das wir für diese Stunde berücksichtigen sollten?“
• „Können wir mit dem Meeting starten oder braucht jemand kurz Orientierung?“
Niemand muss Privates erzählen.
Viele sagen einfach: „Alles gut“ oder „Ich bin etwas gestresst, aber dabei“.
Schon das reicht, um Atmosphäre und Tempo besser einzuschätzen.
Warum diese kleine Geste wirkt
Weil sie das Signal sendet:
Wir arbeiten nicht nur nebeneinander her.
Wir bewegen uns gemeinsam durch den Tag.
Verbindung entsteht nicht durch große Offenheit, sondern durch kurze Momente gegenseitiger Wahrnehmung.
Was nicht das Ziel ist
Niemand soll therapieren
Niemand soll intime Dinge teilen
Niemand soll „emotional performen“
Es geht um Orientierung, nicht um Offenbarung.
Möchtest du deine Stimmung reflektieren?
In meiner Arbeit als Coach & Beraterin unterstütze ich dich gerne dabei neue Strategien zu entwickeln.